ila
Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika e.V., No.
287, Juli/August 2005:
actores
desarmados
Adriana
María Diosa Colorado und Oscar Manuel Zuluaga Uribe (El
Juglar) sind SchauspielerInnen und KünstlerInnen, machen
Musik, arbeiten mit Tanz und Puppentheater, mit Pantomime und Poesie.
Gemeinsam sind sie in der Theatergruppe Arlequín y los Juglares
aktiv, die als Teil der Corporación Área Artística
y Cultural ihre Spielstätte unter der riesigen Haupttribüne
des Fußballstadions der kolumbianischen Stadt Medellín
hat. Der Name Arlequín y los Juglares bezieht sich sowohl auf
europäische Traditionen von Minnegesang und Commedia dellArte
als auch auf die Kultur der trobadores paisas der kolumbianischen
Region Antioquia. Ein Gespräch über Theater in schwierigen
Zeiten, über die Kunst der sozialen Bewegung und über die
Sprache des Krieges.
ila:
Wie würdet ihr die Arbeit der Theatergruppe Arlequín y
los Juglares beschreiben?
Adriana
Diosa: Die künstlerische Arbeit von Arlequín y los Juglares
ist 33 Jahre alt und eng verknüpft mit den sozialen Prozessen
und dem Widerstand in Kolumbien und vielen Teilen Lateinamerikas.
Mit unserer künstlerischen Arbeit unterstützen wir die Aktivitäten
von Gewerkschaften, von Studierenden, von Frauen, von Schwarzen und
Indigenen, um ein Kolumbien aufzubauen, in dem es mehr Gleichheit
gibt, mehr Gerechtigkeit, mehr Würde, mehr Demokratie. Die Arbeit
ist mit den sozialen Prozessen verknüpft und findet inmitten
von ihnen statt. Seit einigen Jahren besteht sie auch in der psychosozialen
Unterstützung von Opfern des sozialen und bewaffneten Konflikts,
den unser Land durchlebt.
Oscar
Zuluaga: Für uns ist wichtig, dass das was wir machen nicht nur
Dekoration oder eine vorübergehende Beteiligung an den sozialen
Prozessen ist, sondern dass das Recht auf Kunst, das Recht auf cultura
popular, nurmehr eine weitere Forderung ist innerhalb der Gesamtheit
der Forderungen der clases populares: die Forderung nach künstlerischer
Kreation, nach Aneignung der Kultur, nach Forschung und Verbreitung.
ila:
Hier in Medellín habt ihr eine Spielstätte und ein eigenes
Ensemble. Arbeitet ihr auch draußen in comunidades, in
der Nachbarschaft?
Adriana
Diosa: Ja, wir arbeiten mit Menschen aus unterschiedlichen Bereichen:
aus den Stadtteilen, mit Studierenden, mit Gewerkschaften, mit Nichtregierungsorganisationen,
die zum Thema Menschenrechte arbeiten. Unsere Arbeit ist eng verbunden
mit der Menschenrechtsarbeit in der Region. In einigen Regionen des
Landes, zum Beispiel im Departamento Sucre an der Atlantikküste,
arbeiten wir mit Flüchtlingen, vor allem mit Kindern.
Wir unterstützen sie und bieten Theateraktivitäten für
sie an, um sie in ihrer Selbstorganisation
zu stärken, um die Kinder darin zu unterstützen, ihrem Leben
nach der gewaltsamen Vertreibung und trotz all der schlimmen Auwirkungen
des Krieges wieder mehr Würde zu verleihen. Gerade beginnen wir
ein Projekt mit Jugendlichen im Chocó. Wir machen mit ihnen
Theaterarbeit, damit sie auf ihre Situation aufmerksam machen können.
Das ist für sie die einzige Möglichkeit, die Realität
in ihrem Departamento auszudrücken, das so heftig von der Gewalt
betroffen ist.
Oscar
Zuluaga: Dazu kommt, dass unsere Arbeit sich nicht nur darauf beschränkt,
auf diese Situationen aufmerksam zu machen oder sie in realistischer
Weise szenisch darzustellen. Es geht vielmehr auch darum, Möglichkeiten
von Hoffnung, von Optimismus vorzuschlagen, die Möglichkeit neuer
Welten.
ila:
Wie sieht eure Arbeit mit diesen Jugendlichen konkret aus? Ihr gebt
Workshops, nicht wahr? Wie lange dauern diese Workshops, geht das
über mehrere Tage?
Adriana
Diosa: Ja, viele Tage lang. Zum Beispiel die Arbeit mit Kindern im
Departamento Sucre: mit ihnen treffen wir uns mehrmals über einen
Zeitraum von drei Monaten, wir kommen und gehen, sie übernehmen
Aufgaben für die Zeit in der wir nicht da sind und am Ende veranstalten
wir ein kleines Festival, bei dem sie vor der comunidad aufführen.
Bei dieser Arbeit geht es darum sichbar zu machen, dass diese Flüchtlingskinder
Menschen mit vielen Fähigkeiten sind, mit Potenzial Menschen,
die etwas zu sagen haben. Solche Aufführungen machen wir auch
im Chocó.
ila:
Wie ist es, inmitten eines bewaffneten Konflikts Theater zu machen?
Adriana
Diosa: Es ist sehr schwierig, sehr schwierig....
Oscar
Zuluaga: ...es gibt ein Problem das uns immer wieder herausfordert:
in diesem Land wird in der Sprache des Krieges immer wieder von den
actores armados1 gesprochen wir hingegen sind actores
desarmados(2)...
Adriana
Diosa:
oder bewaffnet mit Werten, bewaffnet mit der Kunst, bewaffnet
mit anderen Dingen. Für uns als SchauspielerInnen ist es sehr
schwierig, uns inmitten dieser Sprache zu bewegen, die sie uns auferlegen
und für die sie unsere Begriffe in Anspruch nehmen, inmitten
des Konflikts. Das teatro de operaciones(3) ist ein alltägliches
Thema, die actores armados und so weiter und so weiter,
es gibt eine ganze Menge solcher Begriffe. Das macht es schwierig
für uns als politische KünstlerInnen wir konstruieren
von unserer Theaterarbeit ausgehend eine Nation, und nicht irgendeine
Nation, sondern eine Nation die anders ist als die, in der wir leben.
Es gibt Verfolgung, Verfolgung künstlerischer Arbeit, nicht nur
im Theater, sondern auch von MusikerInnen. Wir sind sehr wenige KünstlerInnen
in Kolumbien, die sich diesem Prozess des Aufbaus einer Nation verschrieben
haben, die den sozialen Bewegungen angehören, die mitten im Krieg
aufgebaut und mitten im Krieg aktiv werden. Es gibt nur wenige KünstlerInnen
die glauben, dass Kunst sich nicht nur innerhalb der vier Wände
eines Theaters abspielen muß, sondern in den Straßen da
draußen, in den Stadtteilen. Das macht uns eben auch verwundbarer.
Aber durch die Verbindung zu den sozialen Bewegungen haben wir auch
Schutz gefunden, eine Begleitung. Das hat es schwerer für den
Staat gemacht, zum Beispiel: im letzten Jahr erfuhr die Welt von der
Situation der Gruppe Pasajeros Das ist eine Musikgruppe, die Protestlieder
singt, sie sind verhaftet worden und wir haben das öffentlich
gemacht. Wie sie sind wir auch in manchen Situationen beschuldigt
und verfolgt worden, aber wir haben gelernt uns zu bewegen, widerständig,
eingebettet in die sozialen Bewegungen, und so sind wir immer noch
lebendig, frei und actuando (4)
ila:
Ist es angesichts der aktuellen Situation schwierig, an die Orte zu
reisen, an denen ihr mit
comunidades arbeitet?
Adriana
Diosa: Sehr schwierig. Es ist sehr schwierig, da Kolumbien gerade
ein Land ist, in dem
seit einigen Jahren die sozialen Prozesse durch den Paramilitarismus
unsichtbar gemacht werden sollen. Es gibt keine Region, die frei ist
vom Paramilitarismus, es gibt keinen Stadtteil in Antioquia, der frei
davon ist, inmitten davon müssen wir uns bewegen. Da haben wir
viele Geschichten zu erzählen: wir geben einen Theaterworkshop
mit Kindern und die Paramilitärs stehen draußen an der
Tür und überwachen was wir machen, was wir sagen
das ist sehr schwierig, da wir uns einschränken müssen bei
dem was wir eigentlich sagen wollen. Wir erfinden Sprache, zum Glück
ist das im Theater möglich.
Interview:
Till Baumann
Till
Baumann ist freier Theatermacher und arbeitete im März 2005 für
das Berliner Paulo-Freire-Institut im Rahmen des InWEnt-Projekts Educación
para la paz en Centroamerica, México y Colombia in Bogotá
und Medellín (www.inwent.org/internet/themen_reg/themen/krisenpraev/
friedenspaed/Ruanda_ZA/index.de.shtml)
1 actores: AkteurInnen / SchauspielerInnen, armado: bewaffnet
2 desarmado: entwaffnet
3 teatro de operaciones: wörtlich das Theater der (militärischen)
Operationen, feststehender
militärischer Begriff in Kolumbien.
4 actuar: handeln / schauspielern
info:
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losjuglares@une.net.co
- arlequinylosjuglares@gmail.com